MEHR REALISTISCHE BILDER VON SCHWANGEREN UND JUNGEN MÜTTERN

Eine Schwangerschaft muss nicht die tollste Zeit deines Lebens sein!
„Oh, wie toll! Ich erinnere mich noch dran, was für eine wundervolle Zeit das war! Genieß es!“
Meine Schwangerschaft war nicht die geilste Zeit meines Lebens. Ich konnte sie in weiten Teilen nicht genießen und ich habe wirklich nie gedacht: „Boah, toll ich bin schwanger!“. Ich habe mich auf das Kind, aber nicht über die Schwangerschaft gefreut. Ich habe sehr viel Zeit auf der Couch oder im Badezimmer verbracht. Sehr lange habe ich mich richtig schlapp gefühlt, habe massenhaft ab- und dann nicht wieder zugenommen. Mir tat häufig alles weh. Ich wollte eigentlich nur, dass die neun Monate schnell vorbei sind.
Wenn dann aber, häufig ältere Frauen, mir mitteilten, dass ich doch ganz bestimmt gerade so eine unwahrscheinlich tolle Zeit hätte, dann habe ich nur genickt. Die ganzen Aufforderungen, meine Schwangerschaft gefälligst zu genießen, die haben was mit mir gemacht. Die haben mich immer wieder die Fragen stellen lassen, ob ich keine gute Mutter bin, ob ich die Schwangerschaft überhaupt „verdient“ habe. Ich habe mich schuldig gefühlt, gegenüber anderen Frauen, die nicht schwanger werden können, gegenüber meinem Kind, gegenüber meinem Partner, gegenüber den werdenden Groß- und Urgroßeltern, weil die sich doch so freuten. Ich habe mich gefragt, ob ich die Zeit mit meinem Kind denn dann genießen würde können, wenn ich die Zeit mit Kind im Bauch so gar nicht genießen konnte. Ich hatte Angst, dass ich mein Kind vielleicht nicht lieben würde.
Es gibt keinen Schalter, weder mit einem positiven Schwangerschaftstest, noch direkt nach der Geburt, der sich umlegt und dann ist man eine selige, unendlich liebende Mutter. Mehr als jede 10. Mutter hat nach der Geburt Probleme eine von der Gesellschaft als selbstverständlich betrachtete Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Viele Mütter brauchen, auch nach einer ganz fantastischen Schwangerschaft, Zeit, um in ihrer neuen und vor Allem nicht in das Schema X passende, Rolle, als Mutter, anzukommen und manche Mütter brauchen dafür auch professionelle Hilfe. Unsere Gesellschaft hat absolut unrealistische Bilder und auch Erwartungen an den Gemütszustand und die innere Verfassung von Frauen in der Schwangerschaft und frisch gebackenen Müttern. Diese Bilder machen es Müttern, die nicht ins Bild passen, unfassbar schwer über ihre Gefühle zu sprechen und sich gegebenenfalls Hilfe zu suchen, wenn sie selbst nicht weiter wissen.
Deshalb müssen wir diese Bilder aufbrechen, indem wir, wenn wir wollen und können unsere Geschichten teilen und auf die Geschichten aufmerksam machen, die nicht ins Bild passen.

Veröffentlicht von ottekaro

Politikerin bei Bündnis 90/Die Grünen, Kandidatin der Grünen Jugend Niedersachsen zur Bundestagswahl 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: